Ausstellung

„A Pacifist Workshop“ ist Teil der Ausstellung „REPLIKEN WISSEN – Eine Archäologie vervielfältigter Vergangenheit“ des Hermann von Helmholtz-Zentrums für Kulturtechnik in Kooperation mit dem Winckelmann-Institut für Klassische Archäologie an der Humboldt-Universität.

Repliken – in diesem Fall Nachbildungen archäologischer Funde – werden hier als eigenständige Objekte und Medien untersucht. Neben ihrer Funktion als möglichst verlässliche Kopie eines Originals und ihrem Potenzial als Lernobjekte entwickeln sie dennoch interessante Eigenleben. Trotz ihrer Ähnlichkeit unterscheiden sie sich beispielsweise in Ausstellungs-Kontext, Material, symbolischer Aufladung, ihrem ideellen Wert. Sie legen verschiedene Spuren zu ihren Machern und Sammlern, sind selbst zu Geschichtszeugen geworden. Egal ob als Museumsexponat, privates Sitzmöbel, Filmrequisite oder Souvenir – sie stellen immer neue Sinnzusammenhänge her.

Im Fokus der Ausstellung steht die Bedeutung der Objekte für unsere Übersetzung und Überlieferung von Historischem, hin zu einer ‚vervielfältigten Vergangenheit‘, die sich in jeder Gegenwart neu lesen lässt.


Ausgangspunkt der Installation

Die Arbeit nimmt die Spuren einer ganz speziellen Replik auf: einer Nachbildung des Throns von König Minos,  deren Original bei Ausgrabungen im Palast von Knossos auf Kreta gefunden wurde. Diese besondere Replik aus italienischem Marmor steht seit 1913 im Friedenspalast in Den Haag, einem Leuchtturmprojekt der internationalen Friedensbewegung am Beginn des letzten Jahrhunderts. Hier bietet der Thron besonders starke Ebenen der Erzählung.

Minos Thron in Den Haag

Er steht für die Legende des kretischen König Minos, einem weisen, rechtsprechenden Herrscher, dem späteren Richter im Reich des Hades, der Unterwelt. Für diese namentliche Zuordnung ist Sir Arthur Evans verantwortlich, der britische ‚Entdecker‘ der bronzezeitlichen Kultur der Minoer, die als eine der ersten entwickelten Kulturen Europas betrachtet wurde. Seine Vision der Minoer*innen als einer gleichberechtigten Gesellschaft aus relativ friedlichen Genussmenschen mit ausgeprägtem Sinn für schöne Dinge beeindruckte die Menschen an der Wende zum 20. Jahrhundert nachhaltig. Besonders in Europa, wo sich schwelende Konflikte jederzeit entzünden konnten.

Als Schenkung durch den griechischen Premierminister Eleftherios Venizelos ist der Thron außerdem ein Symbol für den Moment der Union zwischen Kreta und Griechenland.
Durch die direkte Nachbarschaft zum Internationalen Gerichtshof lädt sich diese Replik des Throns täglich mit neuer Geschichte auf. Bei einer gemeinsam Reise nach Den Haag im September 2017 war immernoch der starke Bezug zur Friedensbewegung spürbar.
Unter dem Eindruck eines aktuell wiedererstarkenden Nationalstaatentums und rechter Bewegungen entstand die Idee des Versuchs, diesen Pazifismus zu beleben und als zentralen inhaltlichen Bezugspunkt der einzelnen Erzählebenen anzulegen.


Form

Wie entsteht ‚Replikenwissen‘? Wie gehen wir mit archäologischen Ungewissheiten um? Lässt sich nur aus der Wahrheit lernen? Kann man Homer aus pazifistischer Perspektive lesen? Welche Narrative hat das Friedensprojekt Europa? Welche heutigen Formen der Überlieferung von Geschichte sind die populärsten?
Diese Fragen bewegen sich in großen Bezugsrahmen und erlauben verschiedene Perspektiven der Betrachtung. Ermutigt durch den experimentellen, und gleichzeitig wissenschaftlichen Ansatz der Ausstellung, wurde eine Form gewählt, die keine abschließende Antwort in Form eines künstlerischen Statements gibt, sondern für die Möglichkeit neuer Erkenntnisse und Verschiebungen offen bleibt. Die Wand (5,5m x 3,5 m) ist der Versuch eines Wissens-Tableaus, einer Tafel der Zusammenhänge und soll über die Zeit der Ausstellung  (16. September bis 31. März) bearbeitet werden. Interessant wird dabei, wie dieses Format zwischen Wissenschaftlichem und Künstlerischem vermittelt und welchen Gewinn an Erkenntnis ein Austausch in diesem Rahmen bringt. Dieses Blog dient der Beobachtung und der Dokumentation des Workshops.

Dank an Dr. Anna Simandiraki-Grimshaw, Felix Sattler und Konrad Angermüller, sowie das Team des Tieranatomischen Theaters für die Unterstützung und die Chance, im Rahmen der Ausstellung an diesem Projekt zu arbeiten.

 

 

Jan Stoewe,
September 2017

 

 

Dieses Projekt wird durch die Stiftung Kulturwerk der VG Bild-Kunst gefördert.